Was wäre, wenn das Ego gar nicht dein größtes Hindernis auf dem Weg zum Erwachen ist? In spirituellen Kreisen hört man häufig, dass das Ego überwunden, losgelassen oder sogar zum Sterben gebracht werden müsse. Doch vielleicht liegt genau darin ein Missverständnis. Denn spirituelles Erwachen bedeutet nicht, einen Teil von sich zu bekämpfen. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, was hinter der persönlichen Identifikation liegt und gleichzeitig das eigene Leben vollständig zu leben.

Das Ego ist zunächst einmal nichts anderes als ein Muster, mit dem wir unser persönliches Ich beschreiben. Es gibt uns das Gefühl: Ich bin dieser Mensch. Ich habe diese Geschichte, diese Wünsche, diese Vorstellungen und diese Erfahrungen.
Auf der relativen Ebene des Lebens hat dieses Ich durchaus seine Funktion. Wir müssen Entscheidungen treffen, Beziehungen führen, arbeiten, Verantwortung übernehmen und uns in der Welt bewegen. Dafür braucht es eine gewisse Ich-Struktur.
Das Problem beginnt nicht damit, dass ein Ego existiert. Das Problem entsteht dort, wo wir glauben, dieses Ego zu sein.
Spirituelles Erwachen bedeutet deshalb nicht, das Ego mit Gewalt zu beseitigen. Es geht darum, die Identifikation damit zu durchschauen. Wenn die Identifikation sich löst, muss nichts zerstört werden. Das Ego kann weiterhin seine Funktion erfüllen, ohne dass es länger die gesamte Erfahrung von „Ich“ bestimmt.
Das Ego ist nicht der Feind des Erwachens.
Gerade der Versuch, das Ego loszuwerden, kann zu einer neuen Form von Ego-Projekt werden: Ich muss egoloser werden. Ich muss spiritueller werden. Ich muss weiter sein als andere. Ich muss irgendwann den Zustand erreichen, in dem kein Ego mehr existiert.
Damit wird aus Spiritualität plötzlich Leistung.
Auf dem spirituellen Weg kann es Phasen geben, in denen sich die Aufmerksamkeit stark nach innen richtet. Die äußere Welt verliert für eine gewisse Zeit an Bedeutung und eine tiefe innere Stille wird erfahrbar.
Diese Erfahrung kann etwas Grundlegendes verändern.
Denn wenn ein Mensch sein ganzes Leben ausschließlich auf der relativen Ebene verbringt – auf Erfolg, Besitz, Anerkennung, Beziehungen oder äußere Erlebnisse ausgerichtet –, kann irgendwann ein Gefühl entstehen, dass etwas fehlt. Man hat vielleicht vieles erreicht und trotzdem bleibt die Frage: „Kann das wirklich alles sein?“
Diese Frage kann den Weg nach innen öffnen.
Doch auch das Gegenteil kann passieren. Nach einer tiefen spirituellen Erfahrung entsteht die Vorstellung, nur noch die innere Stille sei wirklich wichtig. Das alltägliche Leben erscheint plötzlich oberflächlich oder unwichtig. Arbeit, Geld, Beziehungen und persönliche Bedürfnisse werden als etwas betrachtet, das überwunden werden müsse.
Aber auch das ist eine Form von Einseitigkeit.
Es geht nicht darum, das Relative gegen das Absolute auszuspielen. Das Leben umfasst beides. Die Erfahrung von Stille und Bewusstsein muss nicht bedeuten, dass man aufhört, am Leben teilzunehmen.
Erwachen bedeutet nicht, weniger zu leben. Es bedeutet, das Leben aus einer anderen Tiefe heraus zu erfahren.
Gerade dort, wo das Ego bekämpft werden soll, kann ein merkwürdiger Wettbewerb entstehen.
Wer meditiert länger? Wer hat weniger Gedanken? Wer ist weiter auf dem spirituellen Weg? Wer kann länger in der Stille bleiben? Wer besitzt weniger Ego?
Solche Fragen führen nicht aus dem Leistungsprinzip heraus. Sie übertragen das Leistungsprinzip lediglich auf die Spiritualität.
Das kann sogar sehr subtil geschehen. Aus dem Wunsch nach Erkenntnis wird der Wunsch, „erleuchtet“ zu sein. Aus Selbsterforschung wird Selbstoptimierung. Und aus der Suche nach innerer Freiheit wird die nächste Aufgabe, die unbedingt erfüllt werden muss.
Spiritualität ist kein Wettbewerb.
Auch besondere Übungen, außergewöhnliche Erfahrungen oder spirituelle Fähigkeiten sind kein Beweis für Erwachen. Der gesunde Menschenverstand darf auf diesem Weg durchaus erhalten bleiben.
Das gilt auch für den Umgang mit spirituellen Angeboten. Wo Menschen in Not sind, entsteht schnell ein Markt. Wer unglücklich ist, bekommt ein Versprechen auf Glück. Wer leidet, bekommt ein Versprechen auf Leidensfreiheit. Wer nach Erleuchtung sucht, bekommt die passende Methode angeboten.
Dabei ist Vorsicht angebracht.
Ein spiritueller Weg sollte nicht auf Angst, Abhängigkeit oder falschen Versprechungen beruhen. Es darf Raum geben für Fragen, Zweifel, Ausprobieren und die eigene Erfahrung.
Spiritualität kann einen tiefen Zugang zum eigenen Inneren ermöglichen. Sie ersetzt jedoch nicht die Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Leben.
Wenn eine Rechnung bezahlt werden muss, muss sie bezahlt werden. Wenn es einen Konflikt in einer Beziehung gibt, braucht es vielleicht ein Gespräch. Wenn eine konkrete Schwierigkeit im Alltag besteht, muss sie auf der Ebene angegangen werden, auf der sie entstanden ist.
Man kann nicht jedes Problem wegmeditieren.
Und vielleicht ist gerade das ein wichtiger Teil eines reifen spirituellen Weges: die relative Wirklichkeit nicht abzulehnen.
Denn solange wir unser Leben als Menschen erfahren, gehören auch unsere Gefühle, Beziehungen, Entscheidungen und Herausforderungen zu dieser Erfahrung.
Spirituelle Erkenntnisse sollten deshalb nicht dazu führen, am eigenen Leben vorbeizuleben. Wenn ein Konzept darüber, wie ein Erwachter sein sollte, wichtiger wird als das, was tatsächlich im eigenen Leben geschieht, entsteht erneut Trennung.
Die eigene Erfahrung darf ernst genommen werden. Die eigenen Gefühle dürfen da sein. Die eigenen Bedürfnisse dürfen wahrgenommen werden.
Vor dem Erwachen wie nach dem Erwachen gilt: Das, was jetzt da ist, darf da sein.
Vielleicht ist die entscheidende Frage deshalb gar nicht: „Wie werde ich mein Ego los?“
Vielleicht geht es vielmehr darum, zu erkennen, wer oder was wir jenseits unserer Vorstellungen über uns selbst sind.
Das Ego muss nicht sterben. Es muss nicht zerstört und auch nicht permanent beobachtet werden. Wenn die Identifikation mit dem persönlichen Ich sich löst, kann vieles ganz von selbst leichter werden.
Dann darf das Ego weiterhin seinen Platz im relativen Leben haben, während gleichzeitig eine tiefere Dimension von Bewusstsein erfahren wird.
Nicht das Ego muss verschwinden. Die Vorstellung, dass du ausschließlich dein Ego bist, darf sich auflösen.
Und vielleicht liegt genau darin eine besondere Form von Freiheit: nicht mehr gegen sich selbst kämpfen zu müssen, sondern das Absolute und das Relative miteinander leben zu lassen.
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Nicht alles lässt sich allein durch Lesen wirklich einordnen. In einem Analyse-Gespräch kann sichtbar werden, wo du innerlich stehst und was jetzt wesentlich ist.
Ludmilla & Roland // Netzwerk-Erleuchtung Berlin